Hyposensibilisierung: Definition, Geschichte, heutiger Stellenwert

- Leonard Noon
Unter einer Hyposensibilisierung versteht man die wiederholte Verabreichung von steigenden Mengen eines oder mehrerer Allergene, auf die der Allergie-Patient sensibel reagiert, mit dem Ziel einer deutlichen Linderung bzw. der Beschwerdefreiheit. Die Hyposensibilisierung ist die einzige heute zur Verfügung stehende Behandlungsmethode, die die Ursachen der Allergie, nämlich ein fehlgeleitetes Immunsystem, wieder normalisieren kann.
Bei der klassischen Methode der Hyposensibilisierung wird das Allergen in gereinigter und standardisierter Form in die Haut des Oberarms injiziert (subkutane Hyposensibilisierung). Neuerdings stehen auch Tropfen zur Verfügung, bei denen die Allergen-haltige Flüssigkeit für einige Zeit unter der Zunge gehalten und dann heruntergeschluckt wird (sublinguale Hyposensibilisierung).
Die Hyposensibilisierung wird seit rund 100 Jahren eingesetzt. Im Jahr 1911 beschrieb der englische Arzt und Forscher Leonard Noon erstmals die Injektion von Pollen-Allergenen bei einem Heuschnupfen-Patienten, woraufhin sich dessen Symptome besserten. Seit dieser Zeit wurde der Therapieansatz der Hyposensibilisierung untersucht und verfeinert, das Prinzip ist aber bis heute unverändert geblieben. Aufgrund des relativ seltenen Vorkommens von Allergien noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts führte die Hyposensibilisierung zunächst aber eher ein Schattendasein in der Medzin-Forschung. Erst als der Bedarf an wirksamen Behandlungen durch die rasante Zunahme der Allergien stieg, verstärkte man auch die Forschungsanstrengungen. Viele Forscherteams arbeiteten nun mit dem Ziel, wirksame und vor allem gut verträgliche und sichere Hyposensibilisierungsmedikamente zu entwickeln.
Ein besonderer Erfolg dieser Forschungsanstrengungen war dann die Anerkennung der Hyposensibilisierung durch die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1998. In der WHO-Verlautbarung wurde die Hyposensibilisierung neben der Allergenvermeidung als einzige ursächliche Behandlung von allergischen Erkrankungen anerkannt. Es wurde ein möglichst früher Einsatz der Hyposensibilisierung empfohlen, um den natürlichen Verlauf der allergischen Erkrankung, vor allem den “Etagenwechsel” zum Asthma bronchiale, zu verhindern. Erstmals formulierte die WHO auch den Begriff der “Allergie-Impfung”. Dies spiegelt den vorbeugenden Gedanken dieser Behandlungsform wieder, vergleichbar mit der Krankheitsprävention, die durch konventionelle Impfungen z.B. gegen Keuchhusten oder Masern erreicht wird. Die Hyposensibilisierung wird deshalb auch “spezifische Immuntherapie” genannt.


